Text-Auszüge aus Satsang-Treffen

Einige Auszüge aus dem Satsang.


Warum sitzt du da vorn?

Frage: Warum sitzt du da vorne als "spiritueller Lehrer"? Hast du irgendwas erkannt, das ich nicht erkannt habe? Kannst du sagen, wie das bei gekommen ist?

Torsten: Damit würden wir in die Zeit gehen. Und das ist immer eine Geschichte. Die Geschichte verändert sich ständig. Aber ich erzähle sie dir gern.

Für mich gab es einen Punkt, den man vielleicht den Punkt des Aufwachens nennen könnte. Da wurde mir zum ersten Mal vollkommen bewusst, dass jedes Leiden als Gedankekonstrukt gesehen wird und das DAS, was die Gedanken sieht, frei ist. Da habe ich zum ersten Mal vollkommen klar diesen natürlichen Frieden gespürt. Das ereignete sich auf einem buddhistischen Stille-Retreat. Und natürlich gab es da auch das Verlangen, etwas davon mitzuteilen, etwa zu sagen: Hey, ich hab was gefunden, was so fantastisch ist! Es ist ganz natürlich, anderen Leuten, die verwickelt scheinen, zu sagen, dass es etwas ganz anderes gibt.

Danach folgte eine Zeit, in der ich merkte: Trotz dieser Einsicht kommen immer noch Impulse ins Leiden, in die Verwicklung zu gehen, und das besonders in nahen Beziehungen. Da tauchte wieder die Tendenz auf, in die Geschichte zu gehen und damit ins Leiden. Bald nach diesem Ereignis habe ich Gangaji und die Linie von Ramana kennen gelernt und viel Unterstützung erfahren. Aber es dauerte eine Zeit, mehrere Jahre, in denen dieser Transformationsprozess vor sich ging. Ich merkte, dass mein Leben sich immer mehr dieser Stille hingab. Alle Aspekte - Beruf, Beziehung, Geld - alles wurde von dieser Klarheit und dieser Stille durchdrungen.

Immer wieder tauchte die Idee auf, es zu teilen, aber zugleich auch die Erkenntnis: Nein, in solch einer Rolle zu sein, erfordert mehr als nur einen Einblick, es erfordert wirkliches Durchdrungensein von Freiheit.

Nach einigen Jahren klangen die Erfahrungen von Leiden mehr und mehr ab. Und dann kam von Gangaji die Ermutigung, mein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, also die Ermutigung, es mit anderen zu teilen. Und dann habe ich den Raum eröffnet. Ich habe Leute eingeladen, mit mir zusammen zu sein. Ich habe das meiner Lehrerin geschrieben, und sie antwortete, sie sei glücklich darüber.

Das ist die Geschichte. Das ist ein Geschenk für mich - und eine Herausforderung. Wenn es scheint, als sei da jemand in einer besonderen Position, dann kann eine Identifikation mit der neuen Lehrerrolle auftauchen. Ich musste erkennen, dass nach wie vor Wachsamkeit erforderlich ist. Da ist eine Erscheinung, die eine bestimmte Rolle einnimmt. Aber das ist nicht das Wesentliche. In der Essenz ist dieses Spiel dazu da, auf das hinzuweisen, was jenseits aller Rollen ist. Und wenn die Rolle dafür genutzt wird, ist es in Ordnung.

Frage: Na, schön. Aber was ist es denn nun, was jenseits aller Rollen ist?

Torsten: Das kannst du nie wirklich in Worte fassen. Bisher hat es nie jemand wirklich ausgedrückt, was es ist. Was du sehen kannst ist: dass du in einer Rolle bist. Du glaubst, du bist jemand. Gedanken gehen in deinem Kopf herum mit einer Definition von dir selbst. „Ich bin Schüler“ oder „Ich bin Lehrer“, "Ich in Mann/Frau", "Ich bin Sohn/Tochter/Mutter/Vater usw." oder andere Rollenzuschreibungen. Wenn du das ständig innerlich wiederholst, dann ist das, was jenseits der Rollen ist, zwar immer noch da, aber es wird verdeckt.

Frage: Bei mir ist die Identifikation ganz einfach: Da ist jemand, der leidet und der endlich frei sein möchte.

Torsten: Und wo ist er?

Frage: Das ist eine innere Stimme. „Mir geht es schlecht, ich verstehe das nicht, wann komme ich da endlich raus?“ Es sind mehrere Stimmen. Und sie wirken auch in den Körper und verursachen Empfindungen. Das zu sehen, ist schon anstrengend genug. Es sind Endlosschleifen. Mag sein, dass da jemand da ist, der das alles sieht, aber das nützt nichts.

Torsten: Ist da wirklich jemand, der es sieht? Wer sieht sich das an? Was hört diese Stimmen?

Frage: Nun, was hört - das ist etwas Ruhiges. Das, was zusieht, bleibt ruhig. Nur dieses Getöse darüber ist halt zu laut. Ich hoffe die ganze Zeit, dass es ein bisschen stiller wird.

Torsten: Diese Hoffnung "es sollte stiller sein" ist ein Teil des Getöses. Das ist eine der Stimmen. Das Ruhige ist jetzt schon vollkommen ruhig. Und das ist das, was du bist. Das ist deine Essenz. Du bist nicht dieser Körper, nicht diese Idee von „Ich bin jemand, der so und so ist“. Das ist Getöse.

Frage: Manchmal weiß ich das. Manchmal ist da so ein Bewusstsein. Und wenn es sich nähert, wenn es daran kommt, sich zu offenbaren, ist das schockierend. Dann gehe ich wieder ins Getöse.

Torsten: Dann taucht die Angst auf, nichts zu sein. Aber wenn dieser Schock kommt, brauchst du nichts zu tun. Da mag die Neigung auftauchen, in die Gedanken zu gehen und zu überlegen: "War es das? Ist es das? Bin ich jetzt erwacht? Oder doch nicht?" Du brauchst dieser Neigung nicht zu folgen. Der Schock ist ein wunderbarer Schock. Da kannst du einfach pffft... verzischen.

Frage: Ich denke dann, dass ich zu wenig fühle. Dass es sich nur von hier bis da offenbart, nicht vollkommen. Das ich mich zu wenig freue.

Torsten: Wenn du in die Stille gehst, erfährst du verschiedene Geschmäcker davon. Da ist vielleicht Freude, dann wieder Stille, dann das Nichts, totale Leere. Es gibt viele Varianten. Aber der Verstand ist schnell und macht gleich etwas daraus: Ah, so fühlt sich das an! Und will es wieder haben, möglichst genauso. Die wirkliche Stille ist nicht zu fassen. Sie zeigt sich jedes mal anders. Als ungewöhnliche Erfahrung. Und als das Allergewöhnlichste.

Frage: Ja, leider. Gestern war alles noch spirituell. Und heute hat der Hund da hingekackt.

Torsten: Du kannst die Gewöhnlichkeit vollkommen annehmen. Sonst bist du ein spiritueller Junkee. Es gibt fantastische Highs. Die Freiheit ist, alles zu erfahren: die Highs, die Downs und das Gewöhnliche. Das ist Freiheit. Alles andere ist tot.

Frage: Ich glaube, ich kann den Frieden jetzt schon besser spüren. Ich fühle mich zentrierter.

Torsten: Der Gedanke „Ich“ ist wunderbar. Er tritt Tausende von Malen am Tag auf, und er ist immer eine Einladung. „Ich.“ Was ist das für ein Ich? Ist Ich das, was sieht? Was hört? Was fühlt? Die Frage wendet die Aufmerksamkeit ab von den Objekten des Fühlens, von den Gedanken hin zu dir, zur Essenz. Zu dem, was ganz ruhig ist.

Wenn diese Erforschung Kraft bekommt, hat der Gedanke „Ich bin...“ weniger Gewicht als ein Vogel, der vorbeifliegt und keine Spur hinterlässt. Wenn du vollkommen still bist, brauchst du die Frage nicht mehr zu stellen. Aber solange das Ich noch Kraft hat, stelle sie! Was ist Ich? Im normalen Bewusstsein scheint es so selbstverständlich! "Ich, das sind meine Gedanken, mein Körper, meine Gefühle. Klar, das bin ich!" Aber Gedanken, Gefühle und Sinnesempfindungen verändern sich. Und es ist zu sehen, wie sie sich verändern. Das wirkliche Ich ist das, was sieht und was unveränderlich bleibt. Das Gefühl von Sein, das die ganze Zeit dasselbe ist. Es ist dasselbe, auch wenn dein Körper ein Kind ist und wenn deine Gefühle und deine Gedanken kindlich sind. Es ist dasselbe, wenn dein Körper und deine Gedanken erwachsen sind. Es ist dasselbe, wenn du alt bist.

Der Gedanke „Ich“ kann also eine Art Scheidepunkt sein. Normalerweise richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen, auf Gedanken, Gefühle, den Körper. Wenn du dich hinterfragst, kann das Auftauchen des Gedankens „Ich“ die Einladung sein zu schauen, was DAS wirklich ist, das schaut.


Glück und Angst

Frage: Seit der Sanga-Woche habe ich Attacken von Energie. Manchmal bin ich so glücklich, dass ich nicht weiß, wohin damit. Dann schüttele ich mich. Ich habe ein bisschen Angst vor dieser Energie. Wie kann ich sie kanalisieren?

Torsten: Du kannst sie nicht kanalisieren. Überströmendes Glück ist deine Natur. Du kannst laut loslachen, schreien, dich explodieren lassen. Das Schlimmste ist, dass du glücklich in der Psychiatrie landest. Dann komme wir dich besuchen und liegen zu deinen Füßen.

Frage: Ja, sehr nett, aber das möchte ich eigentlich nicht.

Torsten: Wenn es sich so anfühlt, als wenn du gleich explodierst, ist das ein gutes Zeichen. Wir sind die Energie von wirklicher Freude nicht gewohnt. Deshalb gibt es da so einen Schrecken: O mein Gott, was für eine Erfahrung! Und zugleich die Furcht, dass etwas passieren könnte. Aber es passiert nichts weiter. Du erfährst es, und es geht wieder weg.

Frage: Es geht wieder weg? Ich dachte, es ist meine wahre Natur?

Torsten: Die Natur ist nicht nur Freude, sie ist alles, und ist nichts. Ein Geschmack davon ist dieses Glück – aber eben nur ein Geschmack.

Frage: Aber verwirklichte Leute verweilen darin, und dann geht es doch nicht wieder weg?

Torsten: Ramana hat gesagt, die absolute Wahrheit sei das Nichts. Dieser Satz drückte es für ihn am stimmigsten aus: "Die Wahrheit ist, dass nichts wirklich jemals passiert ist." Von Glückseligkeit ist da keine Rede. Halte dich nicht daran fest. An gar nichts. Jedes Wort kann dich darauf hinweisen, jede Essenz kann dir einen Geschmack von Freiheit geben. Aber sobald du Glückseligkeit an etwas festmachst, an einem Gefühl, an einer körperlichen Empfindung, wird sie vom Verstand als Erfahrung eingefangen. Dann willst du sie wieder haben. Und dann bist du in der alten Falle.

Ja, es stimmt: Ein Geschmack davon ist Seligkeit, ein anderer ist Präsenz. Aber letzten Endes, wenn man Das ausdrücken will, kann man nichts sagen. Man kann ihm keine Eigenschaft zuweisen, denn jede Eigenschaft wird vom Verstand beschrieben. Jede Eigenschaft ist abgrenzbar gegen eine andere, jede ist eine Kategorie. Nützlich, wenn sie dich einlädt, das zu erfahren, was jenseits des Verstandes ist. Nicht so nützlich, wenn du daraus eine Erfahrung ableitest, die du wieder machen willst.

Frage: Ja, und genau das will. Ich will sie wieder machen.

Torsten: In Ordnung, und was hast du davon? Was ist die Konsequenz, wenn du Glückseligkeit haben willst?

Frage: Es ist anstrengend.

Torsten: Suchst du in diesem Moment nach Glückseligkeit?

Frage: Ich suche immer nach einem Zustand, in dem die Angst nicht da ist. Natürlich - wenn ich hier bin, möchte ich all das loslassen.

Torsten: Das Loslassen geschieht nicht, indem du einen Sprung über die Angst hinweg machst. Wenn Angst als Erfahrung da ist, dann sei damit. Sei vollkommen gegenwärtig damit. Vielleicht zeigt sich dabei etwas anderes. Wenn du willst, dass die Angst vorbei geht, machst du einen Sprung über die Erfahrung in diesem Moment. Wie fühlt die Angst sich an?

Frage: Heiß. Aufgeregt. Es ist ein intensives körperliches Gefühl.

Torsten: Dann erlaube dir, es zu spüren. So, wie es sich jetzt gerade anfühlt. Verändert es sich? Wird es weniger? Dehnt es sich aus? Bleibe in diesem sanften Hinschauen, ohne gleich in die Glückseligkeit springen zu wollen. Dann kannst du weiter schauen, was passiert. Wenn es sich verändert, bleibst du einfach mit der Aufmerksamkeit dabei: Aha, es verändert sich!

Frage: Es verändert sich. Es löst sich gerade auf.

Torsten: Gibt es irgendetwas, das fehlt? Etwas, das in diesem Moment hier sein muss?

Frage: Nein, nein, es ist okay. Mein Körper macht manchmal so komische Sachen.

Torsten: Du hast dich noch ganz gut unter Kontrolle. Es gibt viele Konditionierungen. Auch solche, die uns das Empfinden von Freude verbieten. Wenn du strahlend in der U-Bahn sitzt, sehen die Leute dich misstrauisch an. Was ist denn mit dem los? Als Poonja zum ersten Mal nach Europa kam, spazierte er über den Kurfürstendamm. Eine junge Frau sah ihn und fing an zu lachen und lachte und lachte und hörte nicht mehr auf. Bis ein Polizist aufmerksam wurde und sie vorsichtshalber abführte. Wegen unkontrollierten Lachens.


Small Talk

Frage: Wenn ich allein bin, bin ich häufig ganz ruhig. Aber wenn ich mit anderen zusammen komme, geht das nicht. Da beginnt ein Gespräch, und bald bin ich in Gedanken und spreche auch. Ich kann mit anderen nicht ruhig bleiben.

Torsten: Warum sprichst du?

Frage: Vielleicht weil ich befürchte, dass sie sonst nicht mit mir zusammensein wollen.

Torsten: Ja, das kannst du erkennen. Du sprichst, damit du den Leuten gefällst. Damit sie sich nicht abwenden. Und du verkaufst dich dafür. Du gehst weg von dir selbst. Du willst etwas haben, etwas für deine Person, für deine soziale Stellung. Du willst anerkannt werden. Das ist schmerzhaft.
Und tatsächlich ist es möglich, dass du all deine Freunde verlierst. Wenn du so zufrieden wirst, dass du nicht mehr sprechen musst, kann das die Leute um dich herum irritieren. Es sei denn, sie lassen anstecken sich von der Ruhe.

Also, wenn du das nächste Mal merkst: Da kommt ein Impuls zu sprechen, aus der Furcht abgelehnt zu werden - dann sei neugierig. Du kannst diese Furcht spüren und du kannst trotzdem schweigen. Du kannst dich unwohl fühlen, deine alten Muster von Kommunikation melden sich - das ist nicht bequem. Aber es gibt dabei etwas Tieferes zu entdecken. Du kannst entdecken, wie süß es ist mit Leuten, die nicht dem gewöhnlichen Kommunikationsstil folgen, in dem man redet und redet und sich bestätigt. Sondern die einfach in einer stillen Atmosphäre sein können. Du selbst kannst es sein. Und wenn du mit anderen zusammen bist, die dafür kein Gespür haben, mag es sich unbequem anfühlen - du kannst trotzdem still sein. Es ist allein deine Sache.

Frage: Ramana soll ja über mehrere Jahre nicht gesprochen haben.

Torsten: Es reicht, wenn du es auf der nächsten Party ausprobierst.


Torsten Brügge
Marthastraße 50
20259 Hamburg