Angst vor Krankheit, Angst vor Machtmissbrauch und die Chance zu transzendenter Gelassenheit

Die gegenwärtige Corona-Reaktionskrise löst bei vielen Ängste aus. Ich möchte hier erläutern, welche Haupt-Angst-Stränge an Befürchtungen und den Reaktionen darauf ich wahrnehme und wie im Erleben dieser Ängste auch ein transzendentes Potential liegt.

Natürliche Angst als Warnsignal

Angst ist eine ganz natürliche menschliche Emotion und Reaktionsfähigkeit. In purer Form stellt sie in der Konfrontation mit einer realen, aber auch einer - oft zu großen Teilen unbewusst ablaufenden - imaginierten Bedrohungssituation körperliche und psychische Energien zur Bewältigung der Situation zur Verfügung. Ziel dabei ist, Unsicherheit zu bewältigen und sich wieder sicher fühlen zu können. Das an sich ist ein normaler und erstmal gesunder Prozess. Es handelt sich um eine weltliche auf Selbsterhaltung unseres persönlichen Ichs oder der kollektiven Gruppe gerichtete Überlebensfunktion.

Manchmal kann die Angstreaktion allerdings auch in destruktive Mechanismen kippen und schädliche Auswirkungen entwickeln. Zum Beispiel in aggressiver Abwehr, Projektion der Angstursachen auf „die bösen Anderen“, in einem übermäßigen Rückzug und Engwerden oder gar ohnmächtigem Einfrieren in Handlungsunfähigkeit. Bleiben wir in solchen destruktiven Mechanismen stecken - oder besser: bleiben Anteile unserer Psyche in solchen destruktiven Mechanismen stecken -, führt dies oft zu chronischem Stress, chronischer Alarmbereitschaft, chronischem Zorn bis hin zur Paranoia. Solche Reaktionsmuster führen im Außen oft zu destruktiven, weil zu kämpferisch polarisierenden und spaltenden Lösungsversuchen. Und sie schwächen sicher auch unser Immunsystem.

Das transzendente Potential der Angstbegegnung

Es gibt im Erleben von Angst auch ein spirituelles transzendentes Potential: Dies kann man aus mindestens zwei Perspektiven betrachten: Erstens kann die Angst zu tiefgreifender Selbsterforschung einladen. Ein inneres Befragen geschieht: „Was oder wer bin Ich wirklich?“ „Bin ich dieses mit Angst reagierende Wesen, das Vergänglichkeit und Tod unterworfen ist? Oder gibt es eine tiefere Dimension, in der ich mich auch als ungeborenes (und damit unsterbliches) Bewusstsein erfahren kann?“ „Bin ich meine Emotionen, meine Gedanken und Empfindungen und der „situationale Körper“, der sich aus allen Sinnes- und Gedankenelementen als Deutung der äußeren Welt zusammensetzt? Oder gibt es auch ein Bewusstsein, das jenseits und unangetastet davon ist?“ Diese zunächst mentale innere Befragung kann in ein lebendiges „Erfahren“, „Spüren“ und „Wissen“ um die transzendente Dimension des Seins übergehen – auch wenn die tiefste unmittelbare Erfahrung dessen immer etwas Unfassbares haben wird jenseits aller bekannten Modi von Erfahren, Spüren und Wissen.

Ein zweiter Zugang zur Transzendenz dazu liegt in der Bereitwilligkeit, die ausgelöste Angst zunächst einmal ganz direkt zu erfahren. Das bedeutet auch den Verzicht darauf, die emotionale Energie sofort durch aktive Lösungsversuche in Handlung oder durch mentale Beschäftigung des Sorgens und Grübelns zu entladen. Mit diesem Mut, die Angst als pure Energie zu spüren, können wir die Angst als einen vergänglichen und in gewisser Weise „leeren“ oder „nichtigen“ Bewusstseinsinhalt erfahren. „Darunter“ oder „da herum“ wird der eigentliche Bewusstseinsraum spürbar in dem die Bewusstseinsinhalte von Angst und Besorgnis auftauchen und wieder verschwinden. Dieses URBEWUSSTSEIN oder RAUMBEWUSSTSEIN erweist sich als unangetastet von den Bewusstseinshinhalten. Das resoniert in unserem Organismus wiederum als tiefe Gelassenheit und transzendente Angstfreiheit. WICHTIG: Diese Angstfreiheit verleugnet keineswegs die - allzu menschlichen - Ängste unsers „kleinen Ichs“ oder „begrenzten Wirs“. Sie kann sie alle in vollem Umfang integrieren, ohne sich in der panischen Reaktion auf sie zu verlieren.

Corona-Ängste in viele Richtungen

Bezogen auf die Corona-Reaktionskrisen sehe ich zwei Hauptfelder der Angst auftauchen: Zum einen gibt es die Angst vor Krankheit und Tod (entweder für sich selbst oder für andere). Zum anderen die Angst vor Ohnmacht durch Fremdbestimmung und Einschränkungen – gerade durch staatliche Obrigkeit und deren Machtfunktionen. (Und sicher gibt es auch jene Ängste, die um die eigene Existenzabsicherung im Angesicht der schon akuten und noch drohenden wirtschaftlichen Lage auftauchen. Für diesen Strang gelten meine Erläuterungen ebenso, auch wenn ich mich auf hier auf die ersten beiden Stränge fokussieren will).

Ich finde wir sollten beide (oder alle drei) Arten von Ängsten einerseits als zunächst annerkenneswerte „Alarmsignalgeber“ achten. Sie haben im weltlichen ihre Berechtigung. Sie können uns Energien zur Verfügung stellen, angemessen zu denken und zu handeln. Beide Angststränge können uns wach und achtsam werden lassen, um unseren Bedürfnissen nach Schutz in jeder Richtung möglichst gut zu befriedigen: Einerseits für einen möglichst optimalen Gesundheitsschutz. Andererseits für einen möglichst optimalen Schutz von Bürgerrechten und vor Obrigkeitsmachtmissbrauch. (Im dritten Fall: Für den berechtigten Schutz unserer Existenzgrundlagen)

Bei beiden Angststrängen gibt es allerdings auch die Gefahr des Abrutschens in destruktive Verarbeitung. Dann landen wir entweder bei einer „Gesundheitsoptimierungs-Dominanz“, die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Körpers um jeden Preis gegen Krankheit und Tod absichern will – und dafür übermäßig Freiheitsqualitäten einschränkt. Oder wir verfangen uns in einer „Staatsparanoia“. Dann verteufeln wir alles, was an staatlichen Schutz-Maßnahmen beschlossen wird, als bösartige Taten, die von bösen Mächten mit bösen Absichten geplant sind. Beides sind destruktive Extreme der Angstreaktion.

Deshalb friedlich bleiben

DESHALB würde ich mir wünschen, dass mehr und mehr Menschen, das Erleben von Angst auch für ihre spirituelle Reifung nutzen. Das bedeutet neben der Achtung der Ängste als Warnsignale, sie auch als Einladung zu sehen, um tiefer zu tauchen. Hinein in die transzendente Gelassenheit, die auch den eigenen Tod und sogar die Ohnmacht unseres kleinen Ichs annehmen kann. Da heraus scheinen mir die größte Gelassenheit und dann die klarsten Lösungsversuche zu erwachsen. Dann können wir immer noch unterschiedliche Einschätzungen und Standpunkte in einer möglichst offenen und friedlich bleibenden Debattenkultur austauschen, ohne uns gegenseitig mit verächtlichen Substantivierungen wie „rücksichtsloser Covidiot“, „verrückter Verschwörungstheoretiker“ oder „staatstreues Schlafschaf“ an die Gurgel zu gehen ;).


Erstveröffentlichung 02.10.2020 auf Facebook von Torsten Brügge. Falls Euch der Text gefällt, würden wir uns über ein Like auf Facebook freuen.

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